CD-Kritik - Ulla Meinecke “Im Augenblick”
- Betreff: CD “Im Augenblick”
- Quelle: www.musicheadquarter.de
- VÖ-Datum: 24.01.2005
- Autor: Thomas Kröll
Um es gleich vorweg ganz deutlich zu sagen: “Im Augenblick” von Ulla Meinecke ist ein sehr, sehr schönes Album! Ein ruhiges. Ein nachdenkliches. Auch mal rockiges. Auf jeden Fall ist es ein würdiges Album. Nicht nur für Ulla Meinecke. Wäre der Zeitgeist ein anderer und würde mehr Wert auf Sein statt auf Schein gelegt, wäre sie damit immer noch eine ganz grosse Nummer. Da bin ich sicher! Und auch die leider (fast) vergessene Spezies der Liedermacher hätte einen ihr angemessenen Stellenwert. Reinhard Mey ist so einer. Oder Klaus Hoffmann, Herman Van Veen… Heinz-Rudolf Kunze solange, bis er 1986 mit „Dein ist mein ganzes Herz“ seiner Radioquote erlag.
Ulla Meinecke hat schon großartige Alben gemacht. 1983 „Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig“, „Der Stolz italienischer Frauen“ (1985) oder „Erst mal gucken – dann mal sehen“ von 1988. Seit 28 Jahren macht die Frau nunmehr Musik und „Im Augenblick“ ist so etwas wie ihr ganz persönliches „Best of“. Auch produziert hat sie es selber, im Team mit Ingo York und Stefan Fischer.
Den Hintergrund erklärt sie so: „Je nach Rechteinhaberei werden häufig wahllos alte Songs zusammengekoppelt und unter merkwürdigen Titeln mit irgendwelchen Ausschussfotos auf den Covern veröffentlicht. Es ist offenbar auch unüblich, die Künstler darüber zu informieren. Bei Künstlern, die nur kurze Zeit im Geschäft waren oder sich zur Ruhe gesetzt haben, mag das ein gangbarer Weg sein; aber meiner Arbeit, meinen Songs wird das nicht gerecht.“
Wie wahr! „Im Augenblick“ bietet 13 Klassiker in neuen, frischen (fast schon spartanisch-schönen) Arrangements und ein neues Stück („Wenn 2 zueinander passen“ im Duett mit Danny Dziuk). Da gibt es ein freudiges Wiedersehen mit der „Frau nach Mitternacht“, dem „Tierfilmer“ oder der „Tänzerin“ (für mich das „Gänsehautstück“ schlechthin). Wir werden aber auch an die Komponisten der Originalfassungen erinnert: An Ex-Spliffer Herwig Mitteregger („Feuer unterm Eis“), Manfred Maurenbrecher („Ein grosses Herz“) und natürlich an Edo Zanki („Schlendern ist Luxus“).
Die Texte sind ebenso poetisch-zeitlos wie die Musik. Ulla Meinecke erzählt Geschichten über die Einsamkeit, Träume oder Liebe und Hoffnung, spendet aber gleichzeitig auch Trost für all die Unbilden des täglichen Lebens. Sie erzeugt eine so warme und zwischenmenschliche Atmosphäre, dass man glatt vergisst, in welcher ungemütlichen Jahreszeit wir uns gerade befinden. Man muss nur die Augen dabei schließen! Das hat Stil und tut gut! Mein Favorit ist „In Berlin“, eine wundervolle Liebeserklärung an ihre Heimatstadt.
Insgesamt ist „Im Augenblick“ ein wohlgewählter Querschnitt durch ihre bisherigen zehn Studioalben. Dazu gab es 1985 schonmal ein Best of („Die Tänzerin“), mit „Kurz vor Acht“ (1987) und „Kurz nach Acht“ (1999) zwei Live-Alben und 2003 das Hörbuch „Die Abenteuer von Tom Sawyer“ (mit Musik von Ingo York). Und alleine für die Tatsache, dass es sie nach all den langen Jahren immer noch gibt und sie sich nach wie vor Gehör verschafft, hat Ulla Meinecke die maximale Punktzahl verdient. Mit 9 von 9 verneige ich mich vor einer einzigartigen Künstlerin!